Donnerstag, 19. September 2013

Batrachomyomachia

Machwerk R.W. Aristoquakes
Teil 21-9
Märchenerzähler im Olymp

Alle, das war opportun,
Klatschten wieder Beifall nun.

Poseidon indes war gegangen
Er hatte nach dem Meer Verlangen
Und nach Kleito seinem Weibe
Sowie nach den fünf Zwillingspaaren
Die allesamt noch unten waren
Im Atlantik ihrer Bleibe.

Da oben er wurd nicht gebraucht
Ist er schnell hinabgetaucht
Um nach dem Rechten dort zu sehen
Und um seinem Mann zu stehen.

Als es ruhiger wurd im Saal
Sprach Hera: "Zeus, mein Herr Gemahl
Hat mir 'ne Story mal erzählt,
Niedergeschrieben von Mark Twain.
Diese für euch ausgewählt,
Soll heute hier mein Beitrag sein.

Dann griff zum Zettel sie und las
Von einem Hüpffrosch vor etwas.



Der Hüpffrosch von Calaveras

- Mark Twain und Dany Webster
 zum Andenken gewidmet -


Der Bitte eines Freundes entsprechend, der mir aus dem Osten geschrieben hatte, suchte ich den gutmütigen, geschwätzigen alten Simon Wheeler auf, und erkundigte mich, wie ich gebeten worden war, nach meines Freundes Freund Leonidas W. Smiley und lege im folgenden das Ergebnis dar.
 Ich hege den leisen Verdacht, dass Leonidas W. Smiley eine Erfindung ist, dass mein Freund einen solchen nie gekannt hat und nur vermutet, dass , wenn ich den alten Wheeler nach ihm fragte, ihm nur sein berüchtigter Jim Smiley einfallen würde und er sich dann ins Zeug legen und mich zu Tode langweilen würde mit irgendeiner zermürbenden Erzählung über ihn, die weitschweifig und ermüdend wie nutzlos für mich wäre. Wenn das die Absicht war, so hat er sie erreicht.

In der alten baufälligen Kneipe der ehemaligen Goldgräbersiedlung Angel´s Camp fand ich Simon Wheeler am Ofen des Schankraumes in behaglichem Halbschlummer, und ich bemerkte, dass er dick und kahlköpfig war und auf dem ruhigen Gesicht den Ausdruck gewinnender Güte und Einfalt trug. Er wachte auf und bot mir einen guten Tag. Ich erzählte ihm, einer meiner Freunde habe mich beauftragt, Ermittlungen über einen treuen Jugendgefährten namens Leonidas W. Smiley - Ehrwürden Leonidas W. Smiley, einen jungen Geistlichen, anzustellen, der, wie er gehört hatte, einmal in Angel´s Camp wohnhaft gewesen war. Ich fügte hinzu, dass ich Mr. Wheeler zu großem Dank verpflichtet wäre, wenn er mir etwas über diesen Ehrwürden Leonidas W. Smiley sagen könnte.
Simon Wheeler drückte mich rückwärts in eine Ecke und blockierte mich dort mit seinem Stuhl, setzte sich dann hin und haspelte den monotonen Bericht herunter, der diesem Abschnitt folgt. Dabei lächelte er nie, er runzelte nie die Stirn, seine Stimme änderte nie den ruhig dahin fließenden Tonfall, den er im ersten Satz angestimmt hatte, er verriet nie den geringsten Anflug von Begeisterung, aber den ganzen nicht enden wollenden Bericht hindurch verspürte man Aufrichtigkeit und einen ergreifenden Ernst, was mir deutlich machte, dass er, weit von der Vorstellung entfernt, irgend etwas an seiner Geschichte könnte komisch oder lächerlich sein, sie für wirklich wichtig hielt und seine beiden Helden als Männer von wahrhaft überragender und genialer Raffinesse bewunderte. Für mich war das Schauspiel, wie ein Mann gelassen solch ein fragwürdiges Garn anspann, ohne jemals zu lächeln, ausgesprochen absurd. Wie ich schon sagte, bat ich ihn, mir zu erzählen, was er von Ehrwürden Leonidas W. Smiley wüsste, und er antwortete mir wie folgt. Ich ließ ihn auf seine Art erzählen und unterbrach ihn nicht ein einziges Mal.
"Wir hatten hier mal einen Burschen namens Jim Smiley, im Winter neunundvierzig, oder vielleicht war´s im Frühjahr fünfzig - ich kann mich irgendwie nicht genau erinnern, doch war´s, glaub ich, neunundvierzig oder fünfzig, denn ich besinne mich darauf, dass der große Kanal noch nicht fertig war, als der Bursche zum ersten Mal im Camp auftauchte. Aber wie dem auch sei, das war der merkwürdigste Kerl in der Gegend, da er ständig auf irgend etwas, das ihm gerade über den Weg lief, eine Wette abschloss, wenn er jemand finden konnte, der dagegen hielt ; und wenn er keinen fand, wechselte er die Seite. Was immer dem anderen recht war, war ihm recht - wenn er nur zu einer Wette kam, ganz gleich wie, war er zufrieden. Aber trotzdem hatte er viel Glück, ungewöhnlich viel Glück ; fast immer blieb er der Gewinner. Ständig war er bereit und lauerte auf eine Gelegenheit ; man konnte nicht eine einzige Sache in den Mund nehmen, ohne das der Bursche anbot, darauf zu wetten und die Seite zu vertreten, die einem gerade recht war, wie ich Ihnen eben gesagt hab. Wenn ein Pferderennen stattfand, schwamm er am Ende in Geld, oder er war pleite ; gab´s einen Hundekampf, wettete er ; gab´s einen Katzenkampf, wettete er ; gab´s einen Hahnenkampf, wettete er ; na, wenn da zwei Vögel auf einem Zaun saßen, wettete er, welcher zuerst auffliegen würde ; oder wenn im Freien Gottesdienst gehalten wurde, war er regelmäßig dabei, um auf Pfarrer Walker zu setzen, den er für den besten Bußprediger im Umkreis hielt, und das war er auch, ein guter Mann. Sogar wenn er einen langstelzigen Käfer sah, der sich irgendwo auf den Weg machte, schloss er eine Wette ab, wie lange der wohl bis dahin brauchen würde, wo er hin wollte und wenn man auf die Wette einging, lief er dem Käfer nach bis Mexiko, nur um herauszubekommen, wohin er wollte und wieviel Zeit er brauchen würde. Eine Menge von den Jungs hier haben diesen Smiley gekannt und können Ihnen von ihm erzählen. Wirklich, ihm hat das nichts ausgemacht - der hat auf alles gewettet, der verrückte Kerl. Einmal lag Pfarrer Walkers Frau längere Zeit schwerkrank darnieder, und es sah schon so aus, als wäre sie nicht mehr zu retten; aber eines Morgens kam der Pfarrer herein, und Smiley ging auf ihn zu und erkundigte sich nach ihrem Befinden, und der Mann sagte, es ginge ihr wesentlich besser - Dank dem Herrn für seine unendliche Gnade - und sie erhole sich so gut, dass mit Hilfe der Vorsehung noch einmal gesund würde; und Smiley sagte, bevor er nachdachte : "Na, jedenfalls wett ich zweieinhalb Dollar, dass sie nicht wieder auf die Beine kommt."

Dieser Smiley hatte einen Gaul - die Jungs nannten ihn den Viertelstundenklepper, aber es war nur ein Spaß, müssen sie wissen, denn natürlich war er schneller -, und er gewann fortwährend auf den Gaul, obwohl der so langsam war und ständig Asthma hatte oder die Staupe oder die Schwindsucht oder sonst was ähnliches. Er bekam gewöhnlich zwei- oder dreihundert Yards Vorgabe und wurde dann überholt; aber immer gegen Ende des Rennens, da packte es ihn, und er wurde wie verwegen und kam angestrampelt, die Beine gelenkig gespreizt und in alle Richtungen geworfen, manchmal in die Luft und manchmal nach einer Seite zwischen die Zaunstaketen, und er wirbelte immer mehr Staub auf und machte immer mehr Spektakel mit seinem Husten und Niesen und Nasenschnauben - und kam am Ziel immer gerade eine Nasenlänge voraus an, so knapp, dass man es kaum feststellen konnte.

Und er hatte eine kurzbeinige, kleine junge Bulldogge, wenn man die ansah, schien sie einem keinen Cent wert, höchstens dazu da, herumzusitzen und gemein auszusehen und auf der Lauer zu liegen, um was zu stehlen. Aber sobald man Geld auf ihn setzte, wurde das ein anderer Hund ; der Unterkiefer schob sich vor wie das Vorderdeck von ´nem Dampfer, und die Zähne entblößten sich und flackerten wild auf wie die Kesselfeuer. Und ein Hund konnte ihn anfahren und ihn zusetzen, ihn beißen und zwei-, dreimal über die Schulter werfen, und Andrew Jackson - so hieß der junge Köter nämlich -, Andrew Jackson tat immer nur so, als ließe er sich das alles gefallen und habe nichts anderes erwartet, und die Einsätze auf den Gegner wurden dauernd verdoppelt und verdoppelt, bis alles Geld angelegt war ; und nun plötzlich packte er den anderen Hund genau am Hintergelenk und biss sich fest - er kaute nicht, verstehen Sie, sondern schnappte nur zu und hängte sich daran, bis sie das Handtuch warfen, und wenn´s ein Jahr dauerte. Smiley hat mit dem Köter jede Wette gewonnen, bis er sich einmal einen Hund vorknöpfte, der keine Hinterbeine mehr hatte, weil er damit in die Kreissäge geraten war. Und als die Sache lange genug gedauert hatte und alles Geld gesetzt war und der Köter jetzt nach seinem Lieblingshalt schnappen wollte, da merkte er sofort, wie man ihn hereingelegt hatte und wie ihn der andere Hund sozusagen in der Tasche hatte, und er schien überrascht, und dann sah er irgendwie entmutigt aus und machte keinen Versuch mehr, den Kampf zu gewinnen, und so musste er übel zugerichtet das Feld verlassen. Er warf Smiley einen Blick zu, als wolle er sagen, sein Herz sei gebrochen und es sei Smileys Schuld, weil er ihm einen Hund vorgesetzt hatte, der keine Hinterbeine hatte, an denen man sich festhängen konnte, worauf er sich doch beim Kampf hauptsächlich verließ, und so hinkte er dann ein Stückchen zur Seite, legte sich nieder und starb.

Es war ein guter Köter, dieser Andrew Jackson, und er hätte sich einen Namen gemacht, wenn er am Leben geblieben wäre, denn er hatte das Zeug dazu, und er war begabt - ich weiß das, denn er hatte ja keine Gelegenheiten, die der Rede wert waren, und es ist durchaus nicht selbstverständlich, dass ein Hund unter diesen Umständen einen solchen Kampf liefert, wenn er kein Talent hat. Es macht mich immer ganz traurig, wenn ich an seinen letzten Kampf denke und an das Ende, das er nahm.
Also, dieser Smiley hatte Rattenterrier und Kampfhähne und Kater und alles mögliche, das man gar nicht aufzählen kann, und man konnte ihm auf nichts eine Wette anbieten, die er nicht annahm. Und eines Tages fing er einen Frosch, nahm ihm mit nach Hause und sagte, er habe vor, ihn zu trainieren und so tat er drei Monate nichts anderes, als sich in den Garten zu setzen und dem Frosch das Springen beizubringen. Und Sie können sich darauf verlassen, er brachte es ihm bei. Er gab ihm hinten einen kleinen Schubs, und im nächsten Moment sah man den Frosch wie ´nen Pfannkuchen durch die Luft wirbeln - einen Salto schlagen oder auch zwei, wenn er gut abgekommen war, und unversehrt plattfüßig wieder heruntergekommen wie eine Katze. Er dressierte ihn ebenso zum Fliegenfangen und hielt ihn ständig in Übung, so dass er jede Fliege erwischte, so weit er sehen konnte. Smiley sagte, ein Frosch brauche nur die richtige Ausbildung, dann bringe er fast alles fertig - und das glaub ich ihm. Na, ich hab erlebt, wie er Daniel Webster hier auf den Fußboden gesetzt hat - Daniel Webster, so hieß der Frosch - und dann rief:" Fliegen, Daniel, Fliegen!", und bevor man richtig gucken konnte, sprang er senkrecht hoch, schnappte eine Fliege von der Theke dort, plumpste wieder auf den Boden wie ein solider Dreckklumpen und fing an, sich so gleichgültig mit den Hinterbeinen am Kopf zu kratzen, als habe er keine Ahnung, dass er etwas gemacht hatte, was nicht jeder Frosch kann. Sie haben noch nie einen Frosch gesehen, der trotz seiner Begabung so bescheiden und schlicht war. Und wenn´s zum offenen und ehrlichen Weitsprung kam, da brachte er mit einem Satz mehr Boden hinter sich als jedes andere Tier seiner Art, das man kennt. Weitsprung war seine Stärke, müssen Sie wissen ; und wenn´s dazu kam, setzte Smiley so lange auf ihn, wie er noch einen roten Heller besaß. Smiley war ungeheuer stolz auf den Frosch, und er hatte auch Grund dazu, denn Leute, die weit herumgekommen und überall gewesen waren, sagten alle, er steche jeden Frosch aus, den sie jemals gesehen hätten.

Nun, Smiley hielt das Vieh in einer kleinen Kiste mit Gitter, und er nahm´s manchmal mit in die Stadt und schloss Wetten darauf ab. Eines Tages hatte er seine Kiste mit, und ein Kerl begegnete ihm - er war fremd im Camp - und sagte :"Was mögen Sie da wohl in der Kiste haben?"

Und Smiley antwortete, als wäre es ihm gleichgültig :"Vielleicht einen Papagei oder vielleicht einen Kanarienvogel, könnte sein, stimmt aber nicht - ´s ist nur ´n Frosch."
Und der Kerl nahm ihn, sah ihn sich genau an, drehte ihn so herum und anders und sagte dann :" Hm - stimmt. Na, und wozu ist der gut?"

"Na", sagte Smiley so leichthin und lässig, "der ist zu einem gut, sollte ich meinen - der springt weiter als jeder andere Frosch in Calaveras County."
Und der Kerl überlegte eine Minute und sagte dann fast traurig :"Nun, ich bin hier nur ein Fremder, und ich hab keinen Frosch,; aber wenn ich einen hätte, würd ich die Wette annehmen."
Und Smiley sagte darauf :" Schon recht - schon recht - wenn Sie die Kiste eine Minute halten wollen, geh ich einen Frosch holen." Und so nahm der Kerl die Kiste, legte seine vierzig Dollar neben Smileys und setzte sich hin, um zu warten.
Eine ganze Weile saß er so da, überlegte und überlegte, und dann nahm er den Frosch heraus, sperrte ihm das Maul auf, nahm einen Teelöffel und füllte den Frosch mit Schrotkugeln - stopfte ihn fast bis zum Kinn voll - und setzte ihn auf die Erde.
Smiley ging unterdessen zu einem Sumpf, stapfte dort lange Zeit im Morast herum und fing schließlich einen Frosch ; er brachte ihn, gab ihn diesem Kerl und sagte :"Also, wenn Sie soweit sind, setzen Sie ihn neben Daniel, die Vorderbeine auf einer Linie mit Daniels, und dann geb ich das Zeichen."
Dann sagte er :" Eins - zwei - drei - los!", und er und der Kerl stupsten die Frösche von hinten, und der neue Frosch hüpfte los, aber Daniel hievte an und zog die Schultern hoch - so wie ein Franzose -, aber es hatte keinen Zweck, er kam nicht vom Fleck ; er saß so fest am Boden wie ein Amboß, und er konnte sich nicht besser bewegen, als wäre er verankert. Smiley war reichlich erstaunt und ärgerte sich auch mächtig, aber er hatte natürlich keine Ahnung, was los war.

Der Kerl nahm das Geld und schob ab, und als er zur Tür hinausging, wies er mit dem Daumen über die Schulter - so hier - auf Daniel und sagte wieder sehr bedächtig :" Also, ich finde nichts an dem Frosch, dass er besser wäre als andere".

Smiley stand da und kratzte sich am Kopf, blickte lange zu Daniel hinunter und sagte schließlich :" Ich möcht wissen, warum in aller Welt der Frosch aufgesteckt hat - ich möcht wissen, ob nicht irgendwas mit ihm los ist - irgendwie sieht er, scheint mir, mächtig geschwollen aus." Und er packte Daniel beim Genick, hob ihn hoch und sagte :
"Na, nun brat mir einer ´nen Storch, wenn der nicht fünf Pfund wiegt!", und er stellte ihn auf den Kopf und der Frosch spukte zwei Handvoll Schrotkugeln aus. Dann merkte er, was los war, und wurde fast verrückt. Er setzte den Frosch wieder hin und rannte dem Kerl hinterher, aber er holte ihn nicht mehr ein. Und...

Hier hörte Simon Wheeler aus dem Vorgarten seinen Namen rufen und stand auf, um nachzusehen, was man von ihm wollte. Als er wegging, wandte er sich zu mir um und sagte : "Bleiben Sie ruhig dort sitzen, wo Sie sind, Fremder, und machen Sie sich´s bequem - ich bin keine Minute weg."
Doch bitte, ich glaubte nicht, dass die Fortsetzung der Geschichte des unternehmungslustigen Strolches JIM Smiley Wesentliches über EHRWÜRDEN LEONIDAS W. Smiley zutage fördern würde, und so machte ich mich auf die Beine.
An der Tür begegnete mir der gesellige Wheeler, der zurückkam, und er hielt mich beim Knopf fest und begann von neuem ;"Nun, dieser Smiley hatte eine gelbe, einäugige Kuh, die keinen Schwanz hatte, nur einen kurzen Stummel, wie eine Banane, und ..."
" Oh! Zum Teufel mit Smiley und seiner elendigen Kuh!" murmelte ich gutmütig, verabschiedete mich von dem alten Herrn und ging.

Ein paar Bilder zur Geschichte













 




 


***


Nachruf

Gestern hat uns Marcel Reich-Ranicki, ein wohl einzigartiger Schriftsteller und Literatur-Kritiker verlassen. Der Bestseller-Autor und Moderator der bekannten Fernsehreihe "Literarisches Quartett" wurde 93 Jahre alt.

 

In diesem unserem Machwerk haben wir Marcel Reich-Ranicki unter dem Phantasienamen "Maxe Schmäh" auf unsere Weise, im Rahmen unserer dichterischen Möglichkeiten,  bereits zu Lebzeiten ein literarische Denkmal gesetzt.


 

Übrigens:

Die beiden Partner von Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett, die Literaturkritiker Sigrid Löffler und Karasek tragen in unserem "Werk" die Namen "Madam Sinnierlich" und "Konträr".

wird fortgesetzt




Mittwoch, 18. September 2013

Batrachomyomachia

Machwerk R.W. Aristoquakes
Teil 21-8
Märchenerzähler im Olymp

Nach dem schönen Apollon
Kam der wüste Poseidon.
Er meckerte nicht lang herum
Denn er wusste, dass sein Bruder,
Die Sache angeordnet hatte,
Und Hera das verdammte Luder,
Wenn er sich würd' widersetzen.
Es den Chefgott würde petzen.

Aus diesem Grunde eben drum
Ganz ohne jegliche Debatte,
Als ob es selbstverständlich wär'
Dass er der Herrscher aller Meere,
Sich fügte nun der neuen Lehre,
Trug er dem erlauchten Korps
Eine Froschgeschichte vor.
"Der Frosch im Brunnen" hieß die Mähr.


Der Frosch im Brunnen
Erste Geschichte
-wiedergegeben nach einer Erzählung von Poseidon -



Ein Frosch lebte in einem Brunnen. Er hatte dort seit langer Zeit gelebt. Er war dort geboren und aufgewachsen und war immer noch ein kleiner grüner unbedeutender Frosch. Nun kam eines Tages ein anderer Frosch, der im Meer gelebt hatte, und fiel in den Brunnen.

"Woher kommst du?" fragte der Frosch im Brunnen. "Ich komme aus dem Meer", quakte der andere.

"Das Meer, wie groß ist das? Ist es so groß wie mein Brunnen?" wollte der Brunnenfrosch wissen, und er machte einen Satz von der einen Seite des Brunnens auf die andere.

"Mein Freund", sagte der Seefrosch, "wie kannst du das Meer mit deinem kleinen Brunnen vergleichen?

"Da machte der Frosch im Brunnen einen zweiten Sprung und fragte: "Ist dein Meer so groß?" -

 "Was quakst du da für einen Unsinn und vergleichst das Meer mit deinem Brunnen!" spottete der Meerfrosch.

"Nun denn", quakte der Brunnenfrosch, "nichts kann größer sein als mein Brunnen. Es kann nichts Größeres geben als meinen Brunnen. Dieser Kerl ist ein Lügner. Werft ihn hinaus!"


***


"Ihr seht," fügte der Gott sodann
Seiner Froschgeschichte an,

"Der Frosch im Brunnen
ahnt nichts von der Weite
     meiner Meere."
                                                                           
Aus diesem Grunde, euch zur Lehre
Damit ihr seht dass euer Reich
Hier oben im Elysium,
Mit dem meinen im Vergleich,
Bitte nehmt mir das nicht krumm,
Ist nichts als eine Pfütze,
Die zu nichts anderem ist nütze
Als von vergang'ner  Zeit zu schwärmen
Und Froschgeschichten aufzuwärmen.


Und dann fügte er spontan
Gar selbst noch eine davon an.


Der Frosch im Brunnen
Zweite Geschichte
- Autor nicht bekannt -


***

Frosch/Schildkröten- Geschichten
finden Sie 
hier oder hier
 

Dienstag, 17. September 2013

Batrachomyomachia

Machwerk R.W. Aristoquakes
Teil 21-7
Märchenerzähler im Olymp

Beifallsgetöse im Milieu!
Für zwei Geschichten, doppelt laut!

Nachdem der Lärm war abgeflaut
Trug Apoll dem Götterkorps
Seine Lieblingsgeschichte vor;
"Hopp-Frosch" von Edgar Allan Poe.



Hopp-Frosch

Edgar Allan Poe

Ich habe niemals jemand gekannt, der so sehr zu Scherz und Spaß aufgelegt war wie der König; es war geradezu sein Lebenselement. Eine lustige Geschichte gut erzählen – das war der sicherste Weg, sich bei ihm in Gunst zu setzen. So kam es, dass seine sieben Minister alle dafür bekannt waren, vollendete Spaßmacher zu sein. Sie glichen auch sonst dem König: sie waren nicht nur unvergleichliche Witzbolde, sondern auch große, korpulente, fette Männer. Ob die Leute vom Scherzen fett werden oder ob die Veranlagung zu Spaß und Scherz bei fetten Leuten besonders stark entwickelt ist, habe ich nie ganz genau feststellen können; Tatsache aber ist, dass ein magerer Spaßmacher ein seltener Vogel ist. Aus den Feinheiten oder, wie er sagte, dem »Geist« des Witzes machte der König sich wenig. Er bewunderte hauptsächlich die Breite eines Scherzes, und um ihretwillen ließ er sich auch die Länge gefallen. Feinheiten langweilten ihn, und alles in allem gefiel es ihm noch besser, einen Streich auszuführen, als einen erzählt zu bekommen.
Zu der Zeit, in der meine Geschichte spielt, waren berufsmäßige Spaßmacher bei Hofe noch nicht ganz aus der Mode gekommen. Mehrere Mächte des Kontinents hatten noch ihre Narren, in Narrenkleid und Schellenkappe, die zum Dank für die Brosamen, die ihnen an des Königs Tische zufielen, stets zu Spott und Witz bereit sein mussten.
Unser König hatte selbstverständlich auch seinen Hofnarren. Tatsache ist, dass er ein wenig Narrheit um sich brauchte – sei es auch nur als Gegengewicht gegen die ungeheure Weisheit der sieben weisen Männer, seiner Minister – von ihm selbst gar nicht zu reden.
Sein Narr war jedoch nicht nur ein Narr. Sein Wert wurde in den Augen des Königs dadurch verdreifacht, dass er außerdem ein Zwerg und ein Krüppel war. In jenen alten Tagen waren Zwerge am Hof nicht seltener als Narren, und viele Herrscher hätten es schwer gefunden, die Tage hinzubringen – und bei Hofe sind die Tage länger als sonst wo – ohne einen Spaßmacher, mit dem sie lachen, und einen Zwerg, über den sie lachen konnten. Doch wie ich schon bemerkte, sind in neunundneunzig von hundert Fällen die Witzbolde fett, rund und schwerfällig, so dass unser König sich wirklich gratulieren konnte, in Hopp-Frosch, das war des Narren Name, in einer Person einen dreifachen Schatz zu besitzen.
Ich glaube nicht, dass der Zwerg schon bei der Taufe den Namen Hopp-Frosch erhielt, er verdankte ihn vielmehr dem weisen Rat der sieben Minister und seiner eigenen Unfähigkeit, wie andere Menschen aufrecht einherzugehen. Hopp-Frosch konnte sich nur mittels eines ganz absonderlichen Verfahrens vorwärts bewegen, es war halb ein Sprung, halb ein schlängelndes Vorschleudern des Körpers, eine Gangart, die allen bei Hofe unglaublichen Spaß machte und dem König ein rechter Trost war, denn im Vergleich zu seinem Narren galt er selbst trotz seines gewaltigen vorspringenden Bauches und seines mächtigen Wasserkopfes für einen schön gebauten Mann.
Obgleich Hopp-Frosch infolge seiner missgestalteten Beine sich nur mühsam und unter Schmerzen vorwärts zu bewegen vermochte, so konnte er, wenn es sich ums Klettern handelte, ganz Außergewöhnliches leisten. Die Natur hatte ihn für die Unvollkommenheit seiner unteren Gliedmaßen mit einer unerhörten Muskelkraft der Arme ausgestattet. Wenn er so auf Bäumen und an Seilen herumkletterte, glich er eher einem Eichhörnchen oder einem kleinen Affen als einem Frosch. Ich bin nicht imstande, mit Bestimmtheit anzugeben, aus welchem Lande Hopp-Frosch stammte. Jedenfalls war es irgendeine unwirtliche Gegend, von der niemand etwas wußte und weit entfernt vom Hofe unseres Königs. Hopp-Frosch und ein junges Mädchen von fast ebenso zwerghafter Gestalt wie er selbst – nur dass sie wohlproportioniert und eine wunderbare Tänzerin war – waren aus ihrer Heimat gewaltsam in benachbarte Provinzen verschleppt worden, von wo einer seiner stets siegreichen Generale sie dem König zum Geschenk sandte.
Unter solchen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass zwischen den beiden kleinen Gefangenen eine innige Freundschaft erwuchs. Hopp-Frosch, der trotz seiner Kurzweiligkeit keineswegs beliebt war, war nicht in der Lage, Tripetta große Dienste erweisen zu können; sie aber wurde trotz ihrer Zwergengestalt, dank einer seltenen Anmut und Lieblichkeit allgemein verehrt und verhätschelt; sie hatte also eine große Macht und versäumte nie, sich ihrer, sobald es Not tat, zugunsten von Hopp-Frosch zu bedienen.
Anläßlich irgendeines großen Staatsereignisses – was es war, habe ich vergessen – hatte der König beschlossen, ein Maskenfest zu geben, und wann immer ein Maskenfest oder dergleichen an unserem Hofe stattfinden sollte, rief man die Talente Hopp-Froschs und Tripettas zu Hilfe. Denn der Zwerg war so erfinderisch in der Zusammenstellung von Festaufzügen und wusste so prächtige Masken zu ersinnen, dass es war, als sei ohne ihn nichts zu machen.
Die Festnacht war gekommen. Eine glänzende Halle war unter Tripettas Aufsicht mit allem ausgeschmückt worden, was geeignet schien, einen stimmungsvollen Hintergrund für ein Maskenfest zu schaffen. Der ganze Hof war in fieberhafter Erwartung. Was die Wahl der Masken und Kostüme anlangte, so hatten viele schon Wochen ja Monate vorher beschlossen, welche Rolle sie zu spielen gedachten, und wirklich gab es auch keine Unentschlossenheit mehr – ausgenommen beim König und seinen sieben Ministern. Warum gerade sie noch zögerten, wüsste ich nicht zu sagen, es sei denn, weil ihnen dies spaßhaft vorkam. Wahrscheinlich ist, dass es ihnen schwer fiel, für ihre fetten Gestalten eine passende Verkleidung zu finden. Kurzum, die Zeit entfloh, und als letzte Rettung ließen sie Tripetta und Hopp-Frosch rufen.
Als die beiden kleinen Freunde kamen, fanden sie den König mit den sieben Mitgliedern seines Kabinettsrates beim Weine sitzen. Aber der Herrscher schien übler Laune zu sein. Er wusste, dass Hopp-Frosch den Wein nicht liebte, da das Trinken stets den armen Krüppel bis zum Wahnsinn aufregte, und Wahnsinn ist kein angenehmer Zustand. Aber dem König, der es liebte, jemand einen Schabernack zu spielen, machte es Spaß, Hopp-Frosch zum Trinken zu zwingen und ihn – wie der König es nannte – lustig zu machen.
»Komm her, Hopp-Frosch«, sagte er, als der Spaßmacher und seine kleine Gefährtin ins Zimmer traten. »Leere diesen Becher auf die Gesundheit deiner fernen Freunde – hier seufzte Hopp-Frosch – und dann begnade uns mit deiner Erfindungsgabe. Wir brauchen Rollen, Rollen, Mann, irgend etwas Neues, noch nicht Da gewesenes! Wir haben das ewige Einerlei satt. Komm, trink! Der Wein wird dich erleuchten.« Hopp-Frosch versuchte wie immer so auch diesmal des Königs wohlwollende Ansprache mit einem Scherz zu beantworten, aber die Anstrengung war zu groß. Gerade heute nämlich war des armen Zwerges Geburtstag, und der Befehl, seinen »abwesenden Freunden« zuzutrinken, zwang ihm Tränen in die Augen. Große und bittere Tropfen fielen in den Kelch, den er demütig aus der Hand des Tyrannen entgegennahm.
»Ah! Ha! ha! ha!« grölte letzterer, als der Zwerg den Becher widerwillig leerte. »Seht, was so ein Glas guten Weins vermag! Wahrhaftig, deine Augen glänzen schon!«
Armer Kerl! Seine großen Augen glänzten nicht nur, sie glühten, denn auf sein leicht erregbares Hirn hatte der Wein nicht nur eine gewaltige, sondern auch eine augenblickliche Wirkung. Er stellte den Becher mit bebender Hand auf den Tisch und sah sich mit halb irrsinnigen Blicken in der Gesellschaft um. Alle Anwesenden hatten ihre Freude an dem sichtlichen Erfolg des königlichen »Scherzes«.
»Und jetzt an die Arbeit!« sagte der Premierminister, ein sehr fetter Mann.
»Ja«, sagte der König. »Komm, Hopp-Frosch, leihe uns deinen Beistand. Charakterrollen, mein hübscher Junge! Es mangelt uns an Charakteren, uns allen, ha! ha! ha!« Und da diese Äußerung offenbar scherzhaft gemeint war, stimmten seine sieben Minister in sein Lachen mit ein.
Hopp-Frosch lachte auch – aber nicht sehr herzhaft.
»Vorwärts, vorwärts«, sagte der König ungeduldig, »kannst du uns keinen Vorschlag machen?«
»Ich bin bemüht, etwas Neues zu ersinnen«, antwortete der Zwerg zerstreut, denn er war trunken vom Wein. »Bemüht!« schrie der Tyrann wütend. »Was meinst du damit? Ah, ich sehe, du bist missgestimmt und brauchst noch mehr Wein. Hier trink!«
Und er goss einen zweiten Becher voll und bot ihn dem Krüppel, der nach Atem rang und sich nicht rührte.
»Trink, sage ich!« brüllte der Unhold. »Oder beim Teufel –«
Der Zwerg zögerte. Der König wurde purpurrot vor Zorn. Die Höflinge schmunzelten. Tripetta näherte sich leichenblass dem König, warf sich vor ihm auf die Knie und beschwor ihn, ihren Freund zu schonen.
Der Tyrann war von ihrer Kühnheit verblüfft. Einen Augenblick sah er sie verwundert an. Er schien in großer Verlegenheit; – was sollte er tun, was sagen, wie seinem Zorn Luft machen? Endlich stieß er sie wortlos zurück und schüttete ihr den ganzen Inhalt seines Bechers ins Gesicht.
Das arme Mädchen erhob sich wankend und nahm, ohne auch nur einen Seufzer zu wagen, ihren Platz am Fuße des Tisches wieder ein.
Eine halbe Minute lang herrschte Totenstille, man hätte ein Blatt zu Boden fallen hören können. Da tönte in das Schweigen ein sehr leiser, doch scharfer und anhaltender knirschender Ton, der zu gleicher Zeit aus allen Ecken des Raumes hervorzuknarren schien.
»Warum – warum – warum, sage ich, machst du dieses Geräusch?« wandte sich der König an den Zwerg.
Letzterer schien sich von seiner Betrunkenheit ganz erholt zu haben; er sah dem König scharf, doch ruhig ins Gesicht und sagte nur:
»Ich – ich? Wie könnte ich das getan haben?«
»Der Laut schien von außen hereinzudringen«, bemerkte einer der Höflinge. »Vermutlich war es der Papagei dort am Fenster der seinen Schnabel an den Gitterstäben des Käfigs wetzte.«
»Möglich«, erwiderte der Herrscher und atmete befreit auf, »doch bei meinem Ritterwort, ich hätte schwören mögen, dass es das Zähneknirschen des Schurken hier war.«
Jetzt lachte der Zwerg – der König war ein zu eingefleischter Spaßmacher, als dass er irgendeinem das Lachen verübelt hätte – und enthüllte zwei Reihen großer, kräftiger, abstoßend wirkender Zähne. Überdies gab er seine völlige Bereitwilligkeit zu erkennen, so viel Wein zu schlucken, als man nur wünsche. Der König war befriedigt. Und nachdem Hopp-Frosch ohne scheinbar üble Wirkung einen weiteren Becher geleert hatte, begann er sogleich und mit Eifer sich für die geplante Maskerade zu interessieren.
»Ich kann nicht sagen, wie die Ideenverbindung mir kam«, bemerkte er so ruhig, als habe er nie in seinem Leben einen Schluck Wein über die Lippen gebracht. »Aber gerade nachdem Eure Majestät das Mädchen fort gestoßen und ihr den Wein ins Gesicht geschüttet hatten – gerade nachdem Eure Majestät das getan hatten und während der Papagei draußen am Fenster das seltsame Geräusch vollführte, kam mir ein köstlicher Spaß in den Sinn, einer der lustigen Streiche aus meiner Heimat und bei unsern Maskenfesten sehr beliebt. Hier aber wird er sicherlich ganz neu sein. Leider jedoch gehören dazu genau acht Personen, und –« »Sind wir ja!«, rief der König und lachte über seine rasche Entdeckung der Zahlenübereinstimmung. »Genau acht Mann, ich und meine sieben Minister. Vorwärts! Erzähle uns deinen Streich!«
»Wir nennen ihn«, erwiderte der Krüppel, »die acht zusammengeketteten Orang-Utans, und gut ausgeführt ist er wirklich von großartiger Wirkung.«
»Wir wollen ihn ausführen«, bemerkte der König und stand mit schweren Augenliedern auf.
»Der Hauptwitz des Spiels liegt in dem Entsetzen, das es bei den Frauen verursacht«, fuhr Hopp-Frosch fort. »Ausgezeichnet!« grölten der Monarch und seine Minister im Chor.
»Ich werde Sie also als Orang-Utans einkleiden«, sprach der Zwerg weiter. »Überlassen Sie alles mir. Die Ähnlichkeit wird so verblüffend sein, dass die ganze Maskengesellschaft sie für wirkliche Tiere halten wird – und natürlich wird man ebenso entsetzt wie erstaunt sein.«
»Oh, das ist herrlich!« rief der König. »Hopp-Frosch! Aus dir will ich noch einen Mann machen!«
»Die Ketten dienen dazu, durch ihr Klirren die Verwirrung zu erhöhen. Es muß so scheinen, als seien Sie alle Ihren Wächtern entronnen.
Eure Majestät können sich gar nicht vorstellen, wie wirkungsvoll bei solch einer Maskerade acht zusammengekettete Orang-Utans sein müssen, da die meisten der Gesellschaft Sie für wirkliche Bestien halten werden, wenn Sie mit wildem Geschrei mitten zwischen all die prächtig und lieblich gekleideten Männer und Frauen hineinrasen. Der Gegensatz wird unbeschreiblich sein.«
»Das machen wir unbedingt«, sagte der König. Und der versammelte Rat löste sich auf, denn es war schon spät, und man musste sich beeilen, den Plan Hopp-Froschs zur Ausführung zu bringen.
Sein Verfahren, den König und seine Vertrauten in Orang-Utans zu verkleiden, war einfach, aber für seine Zwecke wirkungsvoll genug. Diese Tiere waren zu der Zeit, in der meine Geschichte spielt, in der zivilisierten Welt noch kaum gesehen worden. Und da die von dem Zwerg vorgenommene Verkleidung wahrhaft scheußlich und bestienhaft aussah, so war der Erfolg der Täuschung gesichert.
Der König und seine Minister wurden zunächst in eng anliegende, braune wollene Hemden und Unterhosen gesteckt. Dann wurden diese mit Teer getränkt. Jetzt schlug einer Federn vor. Aber der Zwerg verwarf diesen Vorschlag und überzeugte die acht, dass das Fell eines Orang-Utans weit naturgetreuer durch Flachs dargestellt werden könne. Eine dicke Schicht davon wurde nun auf die Teerschicht festgedrückt. Dann brachte man eine lange Kette herbei. Sie wurde zuerst dem König um den Leib gelegt und festgeknotet, mit den sieben andern Teilnehmern wurde genau so verfahren. Als alle derart angekettet und so weit als möglich voneinander entfernt aufgestellt waren, bildeten sie einen Kreis; und um das Ganze recht naturgetreu erscheinen zu lassen, zog der Zwerg den Rest der Kette zweimal diametral durch den Kreis. Es war ganz die Art, in der noch heutzutage auf Borneo große Affen zusammengekoppelt werden.
Der weite Saal, in dem das Maskenfest stattfinden sollte, war ein kreisrunder, sehr hoher Raum, der sein Licht durch ein einziges Fenster im Mittelpunkt der Deckenwölbung erhielt. Bei Nacht – und besonders für solche Feste war der Saal bestimmt – empfing er sein Licht von einem großen Kronleuchter, der an einer Kette von der Mitte des Kuppelfensters hernieder hing. Wie üblich konnte er mittels eines Gegengewichtes herabgelassen und wieder hinaufgezogen werden, doch hatte man dies aus Schönheitsgründen außerhalb der Kuppel über das Dach hinweggeführt. Die Ausschmückung des Festgemachs wurde Tripettas Oberaufsicht überlassen; in einigen Dingen jedoch hatte sie sich der überlegenen Umsicht ihres Freundes, des Zwerges, gefügt. Seinem Rate folgend hatte man für diese Gelegenheit den Kronleuchter entfernt. Die Wachstropfen, die nicht zu vermeiden gewesen wären, würden der kostbaren Gewandung der Gäste sehr geschadet haben, andererseits aber konnten in einem überfüllten Raume nicht alle Leute die Mitte, also den Platz unter dem Kronleuchter, meiden. Dafür wurden aber zahlreiche Kandelaber ringsum an den Wänden der Halle aufgestellt und jeder der fünfzig bis sechzig Karyatiden eine Wohlgeruch spendende Fackel in die rechte Hand gegeben.
Die acht Orang-Utans warteten auf Hopp-Froschs Rat mit ihrem Erscheinen geduldig bis zwölf Uhr, bis der Saal von Masken gedrängt voll sein würde. Kaum jedoch war der letzte Schlag der Mitternachtsstunde verhallt, als sie hineinstürmten, vielmehr rollten, denn die hindernden Ketten rissen die meisten von ihnen zu Boden, und wer nicht fiel, stolperte.
Das Entsetzen der Maskengesellschaft war ungeheuer und erfüllte das Herz des Königs mit Entzücken. Wie man vorausgesehen hatte, gab es unter den Gästen nicht wenige, die diese grimmig aussehenden Wesen, wenn auch nicht gerade für Orang-Utans, so doch für wilde Bestien hielten.
Viele der Frauen wurden ohnmächtig vor Schreck, und wäre der König nicht so vorsichtig gewesen, das Waffentragen für diesen Abend zu verbieten, so hätten er und seine Gefährten den Schabernack wohl mit ihrem Blute büßen müssen. So aber trachteten alle nach den Türen. Der König hatte jedoch Befehl gegeben, sie gleich nach dem Eintritt der Affenbande abzuschließen, und einer Anregung des Zwerges gemäß, hatte man diesem selbst die Schlüssel ausgeliefert.
Als der Tumult aufs höchste gestiegen und jeder Gast nur auf seine eigene Rettung bedacht war – denn das Gedränge war inzwischen lebensgefährlich geworden – hätte man sehen können, wie die Kette, die sonst den Kronleuchter trug und nach dessen Entfernung hinaufgezogen worden war, sich allmählich herabsenkte, bis ihr Haken nur noch drei Fuß überm Erdboden hing. Bald darauf geschah es, dass der König und seine sieben Freunde, nachdem sie den Saal nach allen Richtungen durchtaumelt hatten, sich schließlich in dessen Mittelpunkt und unmittelbar unter der Kette befanden. Als sie so standen, ergriff der Zwerg, der ihnen auf Schritt und Tritt gefolgt war und sie zu immer wilderem Gebaren angefeuert hatte, die Kette, an die sie gefesselt waren, genau an der Stelle, wo die beiden Diametrallinien zusammentrafen. Blitzschnell hängte er hier in das Mittelglied den Kronleuchterhaken ein, und augenblicklich wurde durch eine unsichtbare Kraft die Kette so hoch hinaufgezogen, dass der Haken nicht mehr erreichbar war. Diese Aufwärtsbewegung riss die Orang-Utans ganz nahe zusammen; sie standen Gesicht an Gesicht gedrängt.
Inzwischen hatten die Maskengäste sich von ihrer Verblüffung erholt; sie begannen das Ganze als einen wohl vorbereiteten Scherz anzusehen und brachen über die sonderbare Situation der Affen in lautes Gelächter aus.
»Überlasst sie mir!«, kreischte jetzt Hopp-Frosch, mit seiner schrillen Stimme den ganzen Lärm übertönend. »Überlasst Sie mir! Ich glaube ich kenne sie. Wenn ich sie mir nur einmal recht anschauen könnte, ich würde euch gleich sagen, wer sie sind!«
Und über die Köpfe der Menge hinweg kriechend, gelangte er zur Saalwand, nahm einer der Karyatiden die Fackel aus der Hand, kehrte auf demselben Wege wie vorher in die Mitte zurück und sprang mit Affengeschwindigkeit dem König auf den Kopf und kletterte von da an der Kette hinauf. Ein paar Fuß über den Orang-Utans senkte er seine Fackel, leuchtete ihnen ins Antlitz und schrie von neuem: »Ich werde bald heraushaben, wer sie sind!«
Und jetzt, während alle Anwesenden – die Affen mit einbegriffen – sich vor Lachen schüttelten, ließ der Spaßmacher einen schrillen Pfiff ertönen. Die Kette flog etwa dreißig Fuß empor und zog die bestürzten und um sich schlagenden Orang-Utans mit; da hingen sie nun zappelnd genau in halber Höhe des Saales. Hopp-Frosch, der sich an die Kette festgeklammert hatte, verharrte noch in derselben Stellung wie vorher. So als sei nichts geschehen, senkte er seine Fackel zu ihnen hinunter, als bemühe er sich, festzustellen wer sie seien.
So völlig verblüfft war man von diesem plötzlichen Aufstieg, dass wohl eine Minute lang Todesstille herrschte. Da ertönte wieder das leise, scharfe, knirschende Geräusch, das dem König, als er Tripetta den Wein ins Gesicht schüttete, aufgefallen war. Jetzt aber konnte kein Zweifel darüber sein, wo der Laut herkam. Er kam von den Raubtierzähnen des Zwerges, es war ein Knirschen aus seinem schäumenden Mund. Sein Blick flammte mit dem Ausdruck wahnsinniger Wut in die aufwärts gewendeten Gesichter des Königs und seiner sieben Gefährten.
»Aha!« sagte der Spaßmacher. »Aha! Ich fange an zu begreifen, wer diese Leute sind!« Und wie um den König heller zu beleuchten, näherte er die Fackel dem Pelz, in dem jener steckte, so dass der Flachs augenblicklich in heller Garbe aufflammte. In weniger als einer halben Minute brannten die acht Orang-Utans lichterloh. Und drunten kreischte die entsetzte Menge und starrte wie gebannt zu den flammenden Körpern empor, denen sie keine Hilfe bringen konnte.
Endlich wurden die aufwärts leckenden Flammen so stark, dass der Narr, um ihnen auszuweichen, höher hinaufklettern musste, und diese Bewegung machte die Menge einen Augenblick lang stumm. Der Zwerg ergriff die Gelegenheit und sprach noch einmal.
»Jetzt sehe ich deutlich«, sagte er, »welcher Art Leute diese Maskierten sind. Es ist ein großer König mit seinen sieben Ministern, ein König, der sich kein Gewissen daraus macht, ein wehrloses Mädchen zu schlagen, und seine sieben Berater, die seiner schmachvollen Tat Vorschub leisten. Was mich anbetrifft, so bin ich nur Hopp-Frosch, der Spaßmacher, und das ist mein letzter Spaß.«
Infolge der hohen Brennbarkeit sowohl des Flachses wie des Teers war das Rachewerk schon vollbracht, als der Zwerg seine kurze Rede kaum beendet hatte. Die acht Leichname schaukelten in ihren Ketten – eine stinkende, geschwärzte, ekelhafte, unkenntliche Masse. Der Krüppel schleuderte seine Fackel auf sie herab, kletterte behände bis zur Decke empor und verschwand durch das Kuppelfenster.
Es ist anzunehmen, dass Tripetta auf dem Dach des Kuppelsaales stand, ihrem Freund bei seinem schauerlichen Racheakt Beihilfe leistete und dass sie zusammen ihre Flucht in ihr Heimatland bewerkstelligten. Beide wurden nie mehr gesehen.

 
Zeichnung: James Ensor

***

"Ja aber was hat die Geschichte nun
Außer mit ihrem Namen
Denn mit unserm Frosch zu tun"
Wollte eine von den Damen,
Es war Latona, gar gerissen,
Von ihrem Sohn Apollo wissen.

"Es ist," sprach der, "das alte Lied;
Die Dummheit ist das Bindeglied.

So wie einst die dummen Bauern
In Lykien hatten kein Bedauern
Mit dir, Artemis und mit mir
So beschrieb es Poe uns hier.

Der König hatte mit dem armen
Krüppel Hopp-Frosch kein Erbarmen
Und setzte ihm gar übel zu.
Es kam so wie es kommen muss.
Die Strafe folgte auf den Fuß.
Hopp-Frosch machte es wie du!
Du erinnerst sicher doch
Dich an die dreisten Bauern noch
Die uns kein Wasser gaben
Sondern schändlich und verrucht
Uns den Trunk verdorben haben.
Du hast sie allesamt verflucht
Sodass seitdem als Frösche sie
Fristen ihr Leben irgendwie."

"Ach ja, jetzt verstehe ich!"
Entschuldigte Latona sich,
Mit ein wenig Scham im Ton,
Bei Apollo ihrem Sohn.

****

wird fortgesetzt

Montag, 16. September 2013

Batrachomyomachia

Machwerk R.W. Aristoquakes
Teil 21-6
Märchenerzähler im Olymp

Dionysos, vom Wein berauscht,
Hat sich mit Ares ausgetauscht.

"Ich verspreche dir ein Fass
Vom allerfeinsten Nass
Das ich noch habe und zwar dann
Wenn du machst was ich nicht kann,
Ein Froschmärchen aus alten Tagen,
Den andern für mich vorzutragen."

Worauf dieser zwei Geschichten
Begann mit Eifer zu  berichten.

Er hatte zwei Märchen ausgewählt
Die Hera ihm hat einst erzählt,
Ach was war es wunderbar,
Als er noch ein Junge war.

Die erste Mähr betraf das Feuer
Das einst, es war ein Abenteuer,
Die Kröte den Guaranis brachte
Und beschrieb wie sie es machte.


Die Kröte und das erste Feuer


Man erzählt, dass in alten Zeiten die ersten Guaraní kein Feuer hatten: sie litten sehr unter der Kälte und konnten nur wilde Früchte essen, denn sie konnten ja keine Nahrung kochen. Manchmal trockneten sie etwas Fleisch für mehrere Tage in der Sonne und so konnten sie wenigstens etwas Fleisch auch roh verzehren.

Eines Tages aber brachte ein Kolibri die Nachricht, dass die Urubu Feuer hätten, und dass man damit Nahrung kochen könnte.

Die Guaraní beriefen sofort eine große Versammlung ein und beschlossen, einen ihrer besten Krieger loszuschicken, damit er den Urubu das Feuer stehle. Der Krieger aber kehrte erfolglos zurück: er hatte sich die Hände verbrannt als er versuchte, heiße Kohlen aufzuheben.

Dem zweiten Krieger ging es nicht besser: der arme Yeruti (ein Art Taube) wollte etwas Feuer auf seinen langen Schwanz laden, aber seine Federn fingen sofort Feuer und er musste sich in den nächsten Fluss stürzen, um nicht zu verbrennen. Man sagt, dass dies der Grund sei, warum der Yeruti, der einmal wunderbarste bunte Federn hatte, heute grau ist und einen so kurzen Schwanz hat.

Einer nach dem anderen kamen die Krieger erfolglos zurück, und große Besorgnis ergriff das gesamte Volk der Guaraní. Als manch einer die Hoffnung bereits aufgegeben hatte, trat Kururu, die Kröte, hervor, und bot an, diese gefährliche Aufgabe auf sich zu nehmen. Er bat nur darum, dass Kuraray, die Sonne, ihn begleite.


Als die beiden in das Land der Urubu kamen, ließ sich der junge Kuraray auf den Boden fallen und tat, als ob er tot wäre. Kururu, die Kröte, beobachtete alles aus der Nähe. Die hungrigen Urubu sahen sogleich den Körper Kurarays und landeten ganz in der Nähe. Während sie schon die Feuersteine aus ihren Taschen holten, fiel einem ihrer Häuptlinge ein: "Sofort aufhören! Wartet! Zuerst müssen wir feststellen, ob er wirklich tot ist!"

Die Urubu holten den Herrn Fliege herbei, der in solchen Situationen ein wahrer Spezialist ist. Herr Fliege fing sofort mit der Inspektion an: zuerst krabbelte er in den Mund Kurarays und kam aus der Nase wieder heraus, dann kroch er in ein Ohr, um aus dem anderen wieder aufzutauchen. Kuraray musste sich fürchterlich anstrengen, um während dessen nicht zu atmen.

Zur Freude aller Anwesenden erklärte am Ende Herr Fliege: "Meine Herren, dieses Subjekt ist tatsächlich tot! Das Fest kann beginnen!".

Die Urubu zündeten sogleich ein Feuer an und fingen an, rund herum zu tanzen, während sie an ihrem Lieblingsgetränk, einem Früchtelikör, schlürften. Genau diesen Moment nutzte Kururuy aus, um mit dem Fuß ein Stück Kohle vom Feuer wegzuschieben. Die Kröte atmete zuerst eine große Menge Luft ein und verschluckte dann sofort die Kohle. Mit großen Sprüngen eilte sie davon bis zu einem versteckten Platz, an dem sie die Kohle wieder ausspuckte und so ein kleines Feuer entzündete.




Jedes Mal wenn Kinder eine Kröte belästigen, bläht sie sich auf, um die Kinder daran zu erinnern, was sie einmal gemacht hat, um den Urubu etwas Kohle zu stehlen, und dass die ersten Guaraní nur dank ihr das Feuer hatten. Aus dem selben Grund werden die Kinder von den Alten ermahnt, der Kröte Respekt entgegen zu bringen.


***



"Dass die nächste Story eine Mähr
Von den uralten Azteken wär',"
Darauf wies mit Stolz im Sinn,
Ares bevor er fortfuhr, hin.

Und dann trug er dem Götterkorps
Die Geschichte sogleich vor.



Der Frosch und die drei Brüder
- ein Märchen der Azteken -





***



wird fortgesetzt

Sonntag, 15. September 2013

Batrachomyomachia

Machwerk R.W. Aristoquakes
Teil 21-5
Märchenerzähler im Olymp

Ohne Pause froh und heiter
Ging es im Olymp nun weiter.
Die jungfräulich hübsche Hestia,
Göttin von Haus, Feuer, Herd et cetera,
Las dem erlauchten Götterkader
Eine Geschichte vor von Schrader.

Der verliebte Frosch
Von Ursula Irmgrit Schrader



Der warme Hauch des Frühlings sprengte die Eisschollen des kleinen Teiches. Der erste Regen fügte die von der Sonne zerklüftete Schlammschicht zusammen. Feuchte Wärme weckte verborgene Schläfer zum Leben.
Es war Frühling. Mit ihm legte die Erde neuen Schmuck an. Vögel zwitscherten glücklich. Auch unserem kleinen Frosch wärmte die erste Frühlingssonne die Glieder, Leben kam in seinen kalten Körper. Er reckte sich und drückte sich durch den Schlamm den warmen Sonnenstrahlen entgegen.

Der Himmel war schon fast blau. Aus den Bäumen tropften noch die letzten warmen Regentropfen auf seine Haut. Er öffnete sein Maul um seine Stimmbänder zu prüfen. "Quak, Quak, Quak", hörte man seine ersten unsicheren Rufe über den Teich. Er sprang ins Wasser, ruderte zu einem von der Sonne erwärmten Stein und hangelte sich noch etwas steif hoch.

"Quak, Quak", ertönte seine Stimme, aber nirgendwo her kam eine Antwort. Hatte der Frühling die anderen Schläfer noch nicht erweckt? Letztes Jahr saßen schon viele Froschdamen um den Teich herum.

"Quak, quak", lockte er, dabei kam ihm die nette Froschdame vom vorigen Frühling in den Sinn. Glücklich und verliebt wie er war, schrieb er sogar ein Gedicht. Wie waren die Verse doch gleich ? 

Die Schönste des Teiches beginnt ihr Leben,
sieht sie den strahlenden Mond sich erheben.
Die Liebste im Wasser auf wärmenden Stein ...

Ein Knacken am Uferrand, er horchte auf und lockte "Quak, Quak ". Ein schwarz behaarter Kopf mit großen Augen schaute ihn an . Schreckensbleich sprang er ins Wasser und ruderte zum Schilf, um sich in dem Dickicht in Sicherheit zu bringen. 

Etwas verschüchtert lugte er aus seinem Versteck. Ach, der alte Hund war's. Er kam hier immer her um seinen Durst zu löschen, oder um die Brotstücke zu stehlen, die der Mensch den Fischen zugedacht hatte. "Quak, Quak", lockte der kleine Frosch leise aus dem Schilf. Voriges Jahr, ja da war alles anders. 

Er beschloss in seiner Einsamkeit: ich muss sie suchen. Irgendwo müssen die anderen doch sein! Die Beharrlichkeit seiner Tonkünste allein führten nicht zum Erfolg. Er sprang aus dem feuchten Dunkel des Rohres in den angrenzenden Wald, hüpfte auf einen alten, morschen Baumstumpf und schaute sich um. 

Stille, nur eine dicke Fliege sonnte sich auf einem Grashalm. "Hunger", schoss es durch seinen Kopf. Gekonnt schnellte seine klebrige Zunge empor, fing die Fliege und verschluckte sie. Traurig hüpfte er weiter und träumte vom Jahr davor. Ja, da war er wer! Er durfte sogar Vorsänger der Damen sein, was ihn noch heute mit Stolz erfüllte! Ach ja, und sie stimmte dann irgendwann in sein Lied mit ein. Ihr Gesang am Frühlingsabend war wie der Gesang der Lerche. Sein Herz bebte vor Sehnsucht. Er hüpfte weiter in Richtung morscher Eiche, wo im vorigen Jahr die vielen Kerbtiere waren.

Doch was war das? Die Eiche war weg! Stattdessen saß er vor einer riesigen weißen Wand mit verglasten Löchern. Er drehte den Kopf nach rechts und dann nach links, aber nirgendwo war ein Durchkommen. Betrübt hüpfte er zu seinem Teich zurück, ruderte durchs Wasser und setzte sich auf ein großes Blatt der alten Mummel.
 
  Er war allein! Seine Damen waren sicher hinter der großen weißen Wand, die der Mensch errichtet hatte. "Quak, Quak", rief er noch einmal zaghaft und nickte erschöpft ein. Er schlief tief und träumte. In seinem Traum sah er einen riesigen blauen See mit alten angeschwemmten Bäumen im seichten Wasser. Rohrkolben, der sich sanft im Wind bewegte. Enten tummelten sich am Ufer auf Futtersuche und ein weißer Schwan zog majestätisch an ihm vorüber. Vor ihm tauchte eine alte Trauerweide ihre Äste tief in den See. Die Sonne spiegelte sich im Wasser wieder. Er schaute versonnen ihren Strahlen nach .


Doch da, auf einmal, hörte er richtig? "Quak, Quak", tönte es an sein Ohr. Er glaubte es nicht, er traute einfach seinen Ohren nicht. "Quak, Quak", kam es von nebenan und dann hüpfte sie zu ihm herüber.

"Du bist wieder da", sagte er leise, "nun kann es Frühling werden".


wird fortgesetzt



Batrachomyomachia

Machwerk R.W. Aristoquakes
Teil 21-4
Im Olymp

Eros hatte kaum geendet
Da lachte Aphrodite los.
Sie hat zum Gatten sich gewendet
Und ihre Schadenfreud' war groß,
Als sie, er ertrug die Schmach,
Zu ihrem Mann Hephaistos sprach:

"Du siehst den Frosch als Göttersohn
Gab es im Nirwana schon
Und im Paradiese gar
Er der Sohn von Adam war!"

Und weiter sprach sie ungefragt:
"Das passt zu dem was Jesus sagt.
Der wies auf die Genesis hin
Und auf Adams Gene.
Ich hoffe du verstehst den Sinn!

In jener ersten Liebesszene
Von Gott Eros auserwählt
Wie von ihm eben hier erzählt,
Zeugte Adam einst voll Tatendrang
Mit einer Kröte einen Frosch.

So nahm die Sache ihren Gang
Bis zu Set; dann kam Enosch
(Gen 4,26 plus Anmerkung zu 4,26)
Den Namen, so wird es erzählt,
Hat der Vater ausgewählt,
Wahrlich mit Erfindergeist!
Enosch schlicht -Homo Sapiens- heißt!
Damit wurd der Stammbaum rein,
Wie es für brave Leut' sollt sein."

Nach dieser, ihrer klugen Rede
Klatschte jeder und auch jede.

Nur Aphrodites Gatte, dem
War die Sache nicht genehm.
Er blickte ziemlich zornig drein.
Doch so sollte es ja sein!

***

Als nächste war Demeter dann
Mit ihrer Froschgeschichte dran.

Ohn' dass sie lange Phrasen drosch
Erzählte sie aus dem Märchenschatz
Des Erzählers David Katz
Die Story von dem grünen Frosch,
Der rote Fingernägel hatte
Und welcher wurde Dada's Gatte.

Der verzauberte Frosch
- David Katz -








 ***

wird fortgesetzt

Zur Einstimmung

Bei dem hier unter dem Pseudonym R.W. Aristoquakes virtuell zur Veröffentlichung gebrachten, mehr als einhundertfünfzigtausend Doppelverszeilen umfassenden und mit über 15.000 Zeichnungen versehenen Epos handelt es sich um die umfangreichste Nacherzählung des Homer zugeschriebenen Kriegsberichtes, die jemals niedergeschrieben wurde und nach Auffassung des Autors, um das wichtigste literarische Werk der Neuzeit überhaupt.

Unter dem oben abgedruckten Titel veröffentlicht der noch unbekannte Schriftsteller an dieser Stelle in den nächsten fünf Jahren sein als Fortsetzungeerzählung entstandenes Mammutmachwerk über den antiken Tierkrieg und dessen Folgen für die Menschheit.

Das über zweitausend Jahre alte homerische Epillion, das im Original nur etwa 300 Verszeilen umfasst, wurde von R.W. A., der zehn Jahre lang daran gearbeitet hat, zu einem Mammutwerk aufgebläht, das die Batrachomyomachia mit der Ilias und der Bibel verbindet.

Diese Verknüpfung der drei wichtigsten Werke der abendländischen Literatur, die in etwa zur gleichen Zeit entstanden sind, dient dem Autor dazu, seine religionsgeschichtliche These zu untermauern, in der er den Frosch als Ursprungsgottheit darstellt und behauptet, dass die Götter der Neuzeit nichts anderes sind als die konsequente Weiterentwicklung der ägyptischen Froschgötter.